Laden...

„Nicht jeder kann in der Industrie am Band arbeiten“

Präsident des Bayerischen Bezirketags Franz Löffler gibt ein klares Bekenntnis zu Werkstätten für Menschen mit Behinderung ab

 

Angelina entgratet Dichtungsringe. Konzentriert und mit der gebotenen Sorgfalt. Die Handgriffe sitzen, schließlich macht sie das schon seit mehreren Monaten. Die junge Frau ist in der Eustachius-Kugler-Werkstatt der Barmherzige Brüder Behindertenhilfe Niederbayern beschäftigt, ihre Arbeitsgruppe für ein Unternehmen aus dem Bereich Dichtungstechnik tätig. Eine Aufgabe, die sie unter Anleitung von Gruppenleiter Markus Huber gerne macht.

In Politik und Presse kommen immer wieder Stimmen auf, die die Existenz von Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) oder die dortigen Arbeitsbedingungen und die Entlohnung kritisieren. Nicht alle, die über dieses Thema sprechen, seien ausreichend und korrekt informiert, bedauert Harald Auer. Er ist Geschäftsführer der Barmherzige Brüder Behindertenhilfe Niederbayern und leitete zuvor lange die Straubinger Werkstatt für Menschen mit geistiger und oder psychischer Behinderung. Auer ist sozusagen vom Fach und wollte zusammen mit der WfbM-Verbundleiterin Elke Steubl sein Fachwissen teilen. Deshalb haben er und seine Verbund-Kollegen den Präsidenten des Bayerischen Bezirketags Franz Löffler, den Straubinger Bezirksrat Franz Schreyer und die Leiterin der Bezirkssozialverwaltung des Bezirks Oberpfalz Dr. Marje Mülder zu einem Gespräch eingeladen.

„Inklusion gilt auch für Firmen“

Der Bezirk, erklärt Harald Auer, ist für Einrichtungen der Behindertenhilfe der wichtigste politische Partner. Mit den zuständigen Bezirken – in diesem Fall Mittelfranken, Niederbayern, Oberbayern und Oberpfalz – verhandeln Träger wie die Barmherzige Brüder Behindertenhilfe im Verbund Entgelte und Leistungen. Auf dieser Ebene für Verständnis zu werben, ist für eine gute Assistenz und Begleitung von Menschen mit Behinderung unerlässlich. Mehr als 700 Beschäftigte arbeiten in den Werkstätten der Barmherzigen Brüder Behindertenhilfe gGmbH in ganz Bayern, zumeist direkt in einer Werkstatt, zum Teil aber auch in Außenarbeitsgruppen oder im Berufsbildungsbereich. Auer berichtet stolz von ausgelagerten Arbeitsgruppen als sinnvolle Ergänzung zu WfbMs, von Projekten wie dem Pausenverkauf an einer nahegelegenen Realschule und einem inklusiv betriebenen Bistro sowie von neuen Zertifikatslehrgängen für Menschen mit Behinderung.

Wo das Interesse der Beschäftigten, deren Fähigkeiten sowie die Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes übereinstimmen, versuchen die Werkstattleiter mit Unterstützung ihres Teams tätig zu werden. Dieser sei laut Franz Brunner, Leiter der Straubinger WfbM, aber nicht das Ziel eines jeden Beschäftigten – was Werkstattrat Martin Belkofer bestätigt: „Ich bin auf eine Werkstatt angewiesen, weil ich eine Behinderung habe. Draußen ist alles zu hektisch. Ich brauche die Struktur, sonst kann ich in eine Krise stürzen.“

Insbesondere für Menschen mit psychischer Behinderung ist der Druck der freien Wirtschaft eine große Herausforderung. Und nur wenige Arbeitgeber zeigten sich bisher bereit, Menschen mit Behinderung eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu geben. Inklusion, betont der Geschäftsführer, dürfe nicht nur von Trägern der Behindertenhilfe gefordert werden, das gelte auch für Firmen und die Gesellschaft allgemein.

Herausforderungen durch Menschen im Autismus-Spektrum

Ganz wichtig ist für Elke Steubl dabei der individuelle Blick auf den einzelnen Menschen. Denn „den Behinderten“ gebe es nicht. Jeder Mensch habe seine Stärken und Schwächen, auch unter den Schwächsten der Gesellschaft gebe es noch Abstufungen. So sei es in der Branche bekannt, dass manche Träger bei der Aufnahme von Beschäftigten gerne eine gewisse Leistungsfähigkeit im Fokus haben. Dies widerspreche aber ganz klar dem Ordensauftrag: „Die Barmherzigen Brüder nehmen unter Berücksichtigung der definierten Zugangsvoraussetzungen und gemäß ihres zentralen Wertes „Hospitalität“ (Gastfreundschaft) auch die Schwächsten der Schwachen in ihren Werkstätten auf.“

Aber diese Klientel sei eben nicht immer kompatibel mit den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Das Bild, dass letztlich alle Werkstattbeschäftigten in der Industrie am Band arbeiten können, sei definitiv nicht realistisch, betont die Verbundleiterin. Die Absenkung von Qualitätsstandards komme weder in der Industrie noch bei der Assistenz und Begleitung von Menschen mit Behinderung in Frage. Zumal die Entwicklung hier eindeutig ist: „Unsere Klientel“, klärt Fachdienstleiterin Astrid Hausladen auf, „wird kontinuierlich schwächer. Wir stellen uns vermehrt auf Menschen mit sehr herausforderndem Verhalten und Menschen aus dem Autismus-Spektrum ein.“

„Ohne Werkstätten wird es nicht gehen“

Die Existenz einer WfbM oder deren Finanzierung als Aufgabe der Bezirke in Frage zu stellen widerspräche laut Harald Auer dem Auftrag, den sich die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Bayern (LAG) gegeben hat: „Teilhabe an Bildung und Arbeit sowie an einem gleichberechtigten Leben in der Gemeinschaft für Menschen mit Behinderung“ zu ermöglichen. Dies wiederum basiert auf der UN Behindertenrechtskonvention, die auch von Deutschland bereits 2009 ratifiziert wurde.

Hinter diesem Auftrag steht auch der Präsident des Bayerischen Bezirketags Franz Löffler. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es ohne das Instrument der Werkstätten in Zukunft nicht gehen wird“, betonte er gegenüber den Vertretern der Barmherzige Brüder Behindertenhilfe. Und für die derzeit praktizierte Umverteilung der Ausgleichsabgabe, mit der früher Werkstätten neu gebaut und saniert wurden, stellte er mit den Worten „da gibt es einen Ansatz, das ist fast schon gelöst“ Unterstützung in Aussicht. Zum Abschluss richtete Löffler den Blick jedoch kritisch in die Zukunft: „Mich beschäftigt, wie wir in den nächsten zehn Jahren perspektivisch mit den Kapazitäten in Werkstätten umgehen. Wenn sich Demografie-bedingt die Zahlen verändern, müssen verträgliche Lösungen gefunden werden.“

Die Bezirke stünden zudem vor einer großen finanziellen Herausforderung, „nur gemeinsam können wir die Aufgaben der Zukunft bewältigen“. Wichtig sei diesbezüglich, sich generell über künftige Entwicklungen und erforderliche Veränderungen in den Werkstätten Gedanken zu machen. Löffler bestätigte, dass das Thema Sanierungsstau in Werkstätten auf politischer Ebene bekannt ist. Er lobte aber auch zukunftsweisende Modelle wie ausgelagerte Arbeitsgruppen – am Straubinger Beispiel bei einer Firma aus dem Bereich Dichtungstechnik. Solche Besuche und Eindrücke aus der Praxis, schlussfolgerte er, seien wichtige Impulse, um die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Denn neben all den Randbedingungen, Schwierigkeiten und Herausforderungen dürfe man eines nicht vergessen, dass es „um die Menschen geht“, so Löffler. Inklusion sei ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag für uns alle, egal ob Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, Unternehmen oder Privatpersonen.

Acht Frauen und Männer stehen im Berufsbildungsbereich um Arbeitstische, an denen zwei junge Menschen mit Behinderung sitzen. Auf den Tischen stehen Kisten mit Einzelteilen zum Konfektionieren und Verpacken.

Der Präsident des Bayerischen Bezirketags Franz Löffler (5. v. r.), die Leiterin der Bezirkssozialverwaltung der Oberpfalz Dr. Marje Mülder (2. v. l.) und der Straubinger Bezirksrat Franz Schreyer (5. v. l.) informierten sich bei der Barmherzige Brüder Behindertenhilfe Niederbayern über die Herausforderungen, denen sich Werkstätten für Menschen mit Behinderung aktuell stellen müssen.

Das sagen unsere Bewohner und Mitarbeiter

Das Fachwissen gepaart mit großer Empathie und konkreter Hilfestellung ist das, was uns von der Einrichtung Gremsdorf überzeugte.

Stefan Bauerfeind

Vorsitzender Autismus Mittelfranken e.V.

Der Zusammenhalt vom Personal und den Bewohnern ist gut und wir sind ein gutes Team. Es werden viele Unternehmungen ermöglicht, z.B. Tierpark-, Schwimmbadbesuch oder Urlaubsmaßnahmen in Kleingruppen gemeinsam mit Personal, was mir sehr gut gefällt.

Markus Grundel

Bewohner

Die Struktur tut mir gut. Ich kann selbstständiger und freier sein. Ich werde hier unterstützt flexibler zu werden und mit schwierigen Situationen besser zurecht zu kommen.

Yves Gorman

Bewohner

In Gremsdorf haben wir von Anfang an eine besondere Wertschätzung uns Eltern gegenüber und vor allem die unvoreingenommene Akzeptanz unserer autistischen Tochter erfahren.

Sabine Laskowski

Mutter und rechtliche Betreuerin

In jedem Menschen steckt ein kreativer Geist. Mut zu haben, seine Träume und Wünsche zu verwirklichen weckt in uns wunderbares. Es gibt uns Selbstvertrauen und stärkt unsere Persönlichkeit.

Simone Meister

Mitarbeiterin

Die Barmherzigen Brüder bieten in familiärer Atmosphäre hochprofessionelle Arbeit mit Herz, bei der personenzentriert gutes und gelingendes Leben ermöglicht wird.

Andreas Dirnberger

Fachdienstleiter

Mitten ins Leben – Mitten im Leben, hier können Menschen mit Behinderung ein buntes, stimmiges und erfülltes Leben führen.

Josefa Schalk

rechtliche Betreuerin, Mitglied im Beirat der Einrichtung und im CBP-Angehörigenbeirat

Ich finde es schön hier in Reichenbach. Ich habe Freunde und auch einen festen Partner gefunden. Bei der Erfüllung meiner Wünsche (z.B. Discofahrten, Kochen) unterstützt mich das Personal, das gefällt mir gut.

Melanie Graf

Bewohnerin

Ich wohne schon seit dem Jahr 2000 in Reichenbach und bin somit schon eins der Urgesteine hier. Der Zusammenhalt zwischen Personal und Bewohner ist super und meine Wünsche und Bedürfnisse werden beachtet (z.B. Urlaubsmaßnahme in einem Wellnesshotel in Bad Füssing mit einer Rückenmassage). Ich freue mich immer, wenn Personal und Freunde da sind, bis ich ins Bett gehe und auch schon wieder da sind, wenn ich aufstehe.

Hans-Jürgen Karl

Bewohner

Jeder Mensch hat seine eigenen ganz besonderen Talente und Fähigkeiten, die er in der Werkstatt so wie er es möchte mit einbringen kann. Die Beschäftigten in der Werkstatt sind Experten mit Leidenschaft. Familiär ist nicht nur ein Wort, sondern wir leben es täglich, gemeinsam mit den Beschäftigten.

Christian Keilmann

Werkstattleiter

Wichtig ist mir eine ehrliche Kommunikation, besonders bei Problemen zwischen den Betreuern der Wohngruppe, den Mitarbeitenden, der Werkstatt und den Eltern bzw. Betreuern/Bevollmächtigten, um das Beste für den Bewohner zu erreichen.

Heidi Blöcher

Mutter

Die schönsten Momente sind die, wenn die Bewohner Offenheit, Wertschätzung und Direktheit zeigen. Es kommt viel von ihnen zurück. Als Heilerziehungspflegerin weiß man am Ende des Tages, wieso man in der Arbeit war. Es ist mehr als nur Geld verdienen. Man hat Abwechslung, weil kein Tag wie der andere ist. Es kann sich jeder mit seinen Stärken, Hobbys und Interessen einbringen. Wir gestalten gemeinsam ein Zuhause.

Tatjana Karl

Mitarbeiterin

Ich wohne schon 28 Jahre in Reichenbach. Es gefällt mir gut, weil man selbständiger werden kann. Ich habe dabei noch ein bisschen Probleme, aber die Mitarbeitenden unterstützen mich hierbei gut. Ich verstehe mich auch mit allen Bewohnern gut und das Gemeinschaftsgefühl ist super!

Andreas Devenich

Bewohner

In der Einrichtung fühlen sich die Bewohner zu Hause. Mein Wunsch wäre, eine noch bessere und effektive Zusammenarbeit zwischen der Einrichtung, Bewohner*innen, Angehörigen bzw. Betreuern und Beschäftigten.

Hans-Georg Blöcher

Vater und stellv. Vorsitzender Beirat am gemeinschaftlichen Wohnen

In Reichenbach herrscht stets freundliche und entspannte Atmosphäre. Das Miteinander der Bewohner, Mitarbeiter und Besucher ist geprägt von Herzlichkeit und Umsicht. Man kommt gerne hierher und weiß seine Liebsten in guten Händen. Da fällt das Weggehen leichter. Wertschätzung und Respekt, Förderung und Schutz, Gemeinschaft und Herzlichkeit machen Reichenbach zu einer zweiten Familie für unsere Liebsten, dafür bin ich sehr dankbar.

Monika Rivière

Mutter und rechtliche Betreuerin

Man hat gemeinsam Spaß, führt viele Gespräche, hört einander immer zu und hilft sich gegenseitig. Mitarbeiter und Bewohner sind gemeinsam ein super Team.

Dominik Roth

Bewohner

Standorte